Textatelier
BLOG vom: 02.09.2005

Londons Steine des Anstosses: Riesenkiesel, Statue

Autor: Emil Baschnonga

Die Meinungen gehen leicht auseinander. Manchmal lassen sie sich überbrücken mit dem versöhnlichen „Einerseits und Anderseits“.

In diesem Sinne beginne ich mit dem 1. Londoner Stein des Anstosses: dem riesigen Granitbrocken, der 6 Tonnen wiegt und aus Brasilien stammt. Dieser Riesenbrocken enthält viele Einschlüsse von Edel- und Halbedelsteinen. Der Bildhauer John Aiken hat ihn mit Schmiss und Spucke auf Hochglanz poliert und die Ecken und Kanten zum Riesenkieselstein geglättet. Der Stein des Anstosses heisst „Monolith und Schatten“ und prunkt jetzt wuchtig vor dem Haupteingang des University College Hospital. Kostenpunkt der Politur: £ 70 000.

Einerseits: „Off their rockers“ (hirnverbrannt) brandmarkten die Gegner vehement diese Ausgabe als herausgeschmissenes Geld. Damit hätten 3 Krankenschwestern angestellt werden können. Diese Summe hätte 47 Katerakt-Operationen (Grauer Star) ermöglicht, 12 Hüftgelenke ersetzt, 7 Herzoperationen finanziert oder 14 000 Viagra-Rezepte finanziert …

Anderseits: Dieser Riesenkiesel hat keinen Steuerbatzen gekostet. Beiträge vom Kings Fund und Zuschüsse von anderen gemeinnützigen Institutionen haben dieses Kunstwerk ermöglicht. Eine Presseaufnahme zeigt eine betagte Frau vor diesem Stein des Anstosses. Auf ihren Stock gestützt, betrachtet sie verwundert vorgebeugt das glitzernde Gebilde.

Paris ist voller Statuen aus Bronze und Stein; jede namhafte Stadt in Italien birgt öffentlich zugängliche Kunstwerke aus der Vergangenheit in Hülle und Fülle. Meiner Ansicht nach hat London viel zu viele Kriegsdenkmäler. Eine Auflockerung tut Not, auch um die heutige monotone Glasarchitektur aufzulockern.

Ich kann nicht anders, als mich zum „Anderseits“ zu bekennen. Immerhin thront der Riesenkiesel jetzt vor dem Spitaleingang und ist nicht so leicht von seinem Standort zu verrücken. Ausserdem habe ich seit je eine ausgeprägte Vorliebe für bunte und drollig geformte Kieselsteine und erbeutete viele aus Wildbächen in den Bergen, bis mir die Hosen schwer wurden.

Der 2. Stein des Anstosses zeigt ein von Marc Quinn in Marmor gestaltetes weibliches Thalidomid-Opfer (Contergan) mit Kleinkind und trägt den Titel „Alison Lapper Pregnant“ (Die schwangere Alison Lapper). Sie ist arg behindert und hochschwanger. Seit Jahren ist der 4. Sockel im Trafalgar Square unbesetzt. Wettbewerbe wurden ausgeschrieben und die Ergebnisse lösten ein heftiges Tauziehen aus.

Einerseits: Auf dem höchsten Sockel in der Mitte des Trafalgar Square steht der kriegsversehrte Lord Nelson. Jetzt habe er würdige Gesellschaft auf dem Sockel nebenan, meinten die Befürworter aus den Kreisen der Behinderten. „Diese Statue ist eine Inspiration für Millionen von Behinderten.“ Bert Massie, der Vorsitzende der Disability Rights Commission (Kommission für die Rechte der Behinderten) drückte es so aus: „Ich beglückwünsche Marc Quinn zur Veranschaulichung, dass ein behinderter Körper Kraft und Stärke ausstrahlt in einer Zeit, wo Jugend und Perfektion verherrlicht werden.“ Dagegen lässt sich wenig einwenden.

Anderseits: Viele hätten lieber an ihrer Stelle Nelson Mandela auf den Sockel gestellt. Auf Gemälden aus dem Mittelalter sieht man viele Krüppel und vom Krieg Verstümmelte. In der Skulptur haben sie Seltenheitswert.

Hier fällt mein „Anderseits“ viel kürzer aus. Als Augenmensch, der von der Klassik beeinflusst ist, habe ich persönlich mehr Freude am Ebenmass eines wohlgestalteten Körpers. Aber man darf nicht stur und verschlossen sein, rate ich mir, denn auf dieser Welt ist vieles nicht im herkömmlichen Sinne schön, ganz im Gegenteil. Selbst in Gebrechen findet sich viel Schönheit ganz anderer Art. Das will ich mir ab jetzt vor Augen halten.

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